Der Schreibabend im Kunstforum Waldkirch

Workshop „Schreiben in der Ausstellung“

Ende 2002 ist das „GeorgScholzHaus- Kunstforum e.V.“ gegründet worden. Seit

unserer ersten Ausstellung gibt es das Angebot einer „Schreibnacht“. Roland

Burkhart, mit Dr. Rainer Höll und Renate Krüger im ersten GSH-Vorstands-Trio, rief

begeisterte Kunst- und Schreibinteressierte aus nah und fern auf, sich an einem

Abend zwischen 20 Uhr und Mitternacht in den damaligen Galerieräumen des alten

Georg-Scholz-Hauses in der Waldkircher Merklinstr. 19 zu treffen, um sich als

selbstbewußter Betrachter der ausgestellten Kunst s c h r e i b e n d zu nähern.

Der damals begonnene Ablauf:

 Kurze Einführung in das GSH, die Ausstellung und zu den Künstler-Innen

Individueller stiller Ausstellungsrundgang und ca. 1 Stunde Schreiben

Gemeinsamer Rundgang aller Abendteilnehmer-Innen und Verlesen der

entstandenen Rohentwürfe vor dem jeweiligen Kunstwerk

 Druckreife Abgabe der selbst verantworteten Texte (Copyright) für das

damalige „Schreibnachtheft zur Ausstellung“, mit ausgewählten Bildern und

mit dem Einführungsreferat der Vernissage

Öffentlicher Rundgang am Finissage-Sonntag durch die Ausstellung und

Lesung der entstandenen Texte durch die Schreibbeteiligten

Das Meiste davon hat sich bis heute unverändert bewährt, seit 2018 auch in den

neuen GSH-Räumen in der Schlettstadt-Allee. Druck-, Papier- und optische

Qualität des anfangs sehr einfach gehaltenen Schreibnachtheftes (Ringbindung

kopierter Seiten und Bilder etc.) hatten sich im Laufe der Jahre enorm verbessert.

Das spielt nun keine Rolle mehr. Man ist ganz davon abgekommen. Es besteht jetzt

die Möglichkeit, die geschriebenen Texte statt in ein Heft auf die GSH-Homepage

zu setzen, wo sie nun Interessierte lesen können.

Es stand auch die Namensänderung zum freundlicheren „Schreibabend in der

Ausstellung“ “an. (Denn manche Interessierte fürchteten sich ernsthaft vor einer Lange Nacht“

Veranstaltung.) Über 80 Mal fand in den über 20 Jahren bisher dieser Workshop

„Schreibnacht/Schreibabend“ statt. Kunst- und Schreibfreudige im Alter von 11 – 85

Jahren, kommen aus Waldkirch oder reisen aus dem weiten Umkreis von Müllheim

bis Offenburg an. Die Texte oder Gedichte sind manchmal sogar auf Englisch oder

im heimischen alemannischen Dialekt verfasst und werden mal als Rap oder auch

als Lied vorgetragen. Der künstlerischen und inhaltlichen Freiheit ist hier keine

Grenze gesetzt.

Alles ist freiwillig: Das Schreiben sowie das Vorlesen direkt am Abend. Freiwillig

bleibt auch, am Finissage-Sonntag den Text öffentlich vorzutragen oder ihn auf der

GSH-Homepage zu veröffentlichen. Dazu Text und Handy-Foto des betreffenden

Werks bitte zum jeweils vereinbarten Zeitpunkt an die Mail-Adresse (s. u.) senden.

Anmeldungen bei

Roland Burkhart Telefon 0176 509 541 58 und/oder info@roland-burkhart.de

BARBARA STUMPP / CAROLA FALLER-BARRIS / „FILIGRAN“ / 18.01. bis 22.02.2026
Lebens-Linien

Carola Faller-Barris

„Lebens – Linien“ von Karola Lootze

 

„Ich kann dir nicht alles beschreiben, wie ich die vielen Wege

gegangen bin und wie ich sie vor allem gefunden habe“.

„Wie soll ich dir meine Gefühle beschreiben, die so unendlich

zahlreich sind, so das du diese Dimension überhaupt erfassen

kannst“.

„Wenn ich auf mein reiches Leben schaue, diese abertausenden

schwungvollen Straßen und Wege, die doch nur ich sehen kann,

weil ich sie mit meinem Herzen fühle“.

„Mein liebes Kind, du wirst deine eigenen Lebenslinien fühlen

und sehen“.

„Irgendwann kommen sie ganz deutlich dir zum Vorschein und

du wirst wahrlich staunen, wie bezaubernd und schwungvoll

deine Lebenswege, aber auch deine Irrwege zu einem grandios

geformten Ganzen dir zeigt“.

„Und weißt du, was das schönste und vielleicht sogar das

wichtigste ist, das du dich vor allem an die glücklichen

miteinander tanzenden Gedanken erinnerst“.

„Ein Netzwerk voller gelebtes Leben“.

„Denk an meine geliebten Worte, meine Kind. Tanze deine ganz

eigenen Wege, egal wie sie aussehen und wo sie dich hinführen

werden und sei dankbar über diesen großen Schatz“.

 
Kunstwerdung_1

„Tanzend“, Barbara Stumpp

„Kunstwerdung“ von Roland Burkhart

 

Ein Stück weißes zugeschnittenes Papier fiel vom Arbeitstisch einer

Künstlerin. „Ach, bleib liegen“, rief sie ihm zu und schnippelte weiter. Es

war zu Boden gefallen, auf einen leeren Bilderrahmen. Wie vom

Stromschlag getroffen beugte es seine Spitze graziös vom oberen

Rahmenrand weg nach unten. Die Schere auf dem Tisch durchquerte

hörbar ein weiteres Papierstück. Orientierungslos fühlte sich die untere

Papierspitze und strebte unverzüglich dem unteren Rahmen entgegen. Sie

stoppte genau in der Mitte. Auf dem dunklem Untergrund da sieht das

doch schön aus, oder?

Wie fließendes Wasser rieselten dann haardünne Papierstreifen herab. Die

obere Spitze bog sich tiefer. Es kitzelte alles so. Ob wir denn jetzt schon

Kunst sind, fragte sie die andere und räkelte sich. Die Künstlerin

schnippelte ungerührt auf ihrem überquellenden Arbeitstisch weiter.

Am nächsten Morgen nahm sie alles zur Hand: Fein! Fertig!

 
Holocher

Carola Faller-Barris

Von Kornelia Holocher  

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

es gibt Untersuchungen zur Frage: Wie lange oder kurz wird ein Bild im Museum betrachtet. Vor einem großformatigen Historienbild blieben die Besucher im Wiener Belvedere-Museum beispielsweise 33 Sekunden stehen. Einem kleinformatigen Van Gogh dagegen nicht einmal 3 Sekunden. Die Entscheidung lag also an der Größe des Werkes.

Ich habe mich gefragt, wie lange die Besucher dieser Ausstellung, vor diesem Bild von Carola Faller-Barris gestanden und es betrachtet haben.  Obwohl wir ja alle kunstinteressiert sind, waren wir vermutlich nicht besser als die oben erforschten Museumsgäste. Darum schenke ich diesem Bild mit Ihnen zusammen nochmals Zeit zur Betrachtung.

Ich sage Ihnen jetzt nur mein ganz persönliches, subjektives Empfinden. 

Ich staune über diese sehr komplizierte Bleistiftzeichnung. Dann staune ich über die Idee der Künstlerin, denn wir sehen eine große, sehr plastisch wirkende Halbkugel, die mit einer Art Geflecht überzogen ist. 

Wie konstruiert sie so ein verzwicktes Gebilde? Wie hat sie sich dieser Gestalt genähert? Da ich selber auch sehr gerne zeichne, habe ich mich gefragt, wo ist der erste Strich, wo hat Frau Faller-Barris angefangen? 

In Gedanken ergänze ich dieses Objekt zur Kugel, auf die von oben gleichmäßig Licht fällt. Was ist das für eine Lichtquelle, die die Helligkeit so sanft nach unten gleiten lässt, sodass dadurch unendlich viele Grautöne durch den simplen Bleistift entstehen. 

Auch gibt es einen kleinen, mittig platzierten Schatten an der Unterseite zu entdecken. Aber auf was fällt dieser Schatten? Die Kugel scheint zu schweben, denn es gibt keine Anhaltspunkte für einen Raum.

 

 

Und nun zu der seltsamen Oberfläche? Das Flechtwerk sieht aus, als wären es Bänder, die auf eigentümliche Weise verschlungen sind. 

Dieses ungleichmäßige Verschlungensein, mit mehreren Enden, Schlaufen, Knicken, mit verzogenen, krummen, verschachtelten, kurzen und längeren Stücken ist gleichzeitig so homogen gestaltet, dass gar nicht auffällt, dass sowas gar nicht sein kann. 

Dann erkennt man durch das Gewirr auch tieferliegende Teile, so dass wir nicht zwangsläufig die versteckte, vielleicht glatte Oberfläche einer Kugel erahnen. Sie bekommt jetzt den Charakter eines Wollkneuels. 

Aber, ganz oben erkennt man eine schwarze Fläche, die sofort in der Phantasie zur Lücke wird. Sie könnte darum der Einstieg in einen Hohlkörper sein, eine Höhle im Inneren der Kugel. 

Geheimnis über Geheimnis! Es gibt noch viel bemerkenswertes. Ich jedoch, beende hiermit meine Beobachtungen und glaube, dass Sie länger als 33 Sekunden dieses Kunstwerk betrachtet haben. 

Vielen Dank!

Wir sind alle schwarz, und Du?

„Farewell“, Carola Faller-Barris

„Wir sind alle schwarz, Du nicht!“ von Roland Burkhart

 

Wir sind alle schwarz, haben alle tiefschwarze Blätter. Wir sind einfach
normal. Gleich sind wir aber nicht! Oh, nein! Einige von uns sind, leicht
unförmig, andere schön, ästhetisch schön. Bei manchen läuft die
Blattspitze nach unten fein aus, gell? Und wir hängen ordentlich da, alle
sauber mit einem koketten roten Bändelchen, in Grüppchen, an eine
Schnur geknüpft, locker, gerade und mittig nach unten – und mit
angemessenem, respektvollen Abstand.
Manches Blatt hat eine Verdickung nach links oder auch mal ‚ so ne
Verschlankung an einer unerwarteten Stelle. Keines gleicht dem anderen.
Aber – alle sind wir sch sch sch w w w w a r r r r r z z!
Wir hängen grazil an unserem Blattstiel und blicken einträchtig nach oben.
Und da? Da oben?
Was sehen wir da für ein merkwürdiges Gebilde? W-w-w- e – i – s – s und
unförmig eingerollt? Eine Abart von Blatt, das hier außerhalb und lose
etwas deplatziert herumliegt? Mittig ja, grad noch! Blattrippen sind schon
noch zu sehen, aber nur ein dickes Torso-Nichts von einem Blatt-Stiel,
nicht wahr?
Das geht ja gar nicht, raunt mein Nebenblatt. Und ich nicke.
Und diese unsäglich blöd eingerollte und farblose Verdrehung, igitt,
entrüstet sich ein anderes Blatt. Ich nicke wieder.
Es ist ein NICHTS, Blatt-Abfall, ja schon Kompost.
Kunst? I wo!

Dropped Stitch

„Stricksublimierung“, Carola Faller-Barris

Dropped Stitch (Fallengelassene Masche) von Tracey Ann Webb

 

Ich glaube, meine Mutter hat mir das Stricken beigebracht. Ich strickte einen

Schal aus dicken Maschen mit Nadeln der Größe 13: eine Reihe rechts, eine Reihe links. Die Farben wechselten sich in breiten Streifen zwischen Dunkelbraun und einem dunklen Senfgelb ab. Weshalb ich ausgerechnet diese Farben gewählt hatte, weiß ich nicht. Ich fand den Schal nämlich hässlich und habe ihn vielleicht nur ein paar Mal getragen.

Damals hatte ich gelernt, das Garn in der rechten Hand zu halten, und musste

die Stricknadel loszulassen, um das Garn mit einer großen Bewegung um die Nadel zu wickeln. Wenn ich zu locker strickte, rutschte die Nadel manchmal einfach aus den Maschen, und plötzlich hatte ich ganz schnell eine fallengelassene Masche.

Mit 22 Jahren, kam ich zum ersten Mal nach Freiburg. Eine Studentin zeigte

mir, wie man in Deutschland strickt—ganz anders. Man wickelt das Garn um den

linken Zeigefinger, und mit einer einfachen Kippbewegung des Handgelenks wird es schnell um die Nadel geführt. Wie effizient, dachte ich!

Weil ich von dieser für mich „neuen“ Technik so begeistert war, begann ich mehr zu stricken. Ich strickte mir einen Pullover mit pastellfarbener Wolle in Rosa, Blau, Gelb und Grün, die sanft ineinanderflossen wie Aquarellfarben. Doch leider habe ich den Pulli klein gewaschen und konnte ihn danach nicht mehr tragen. Nachdem ich verheiratet war, strickte ich sogar einen weinroten Pullover für meinen Mann. Wie auch beim ersten Pullover musste ich die einzelnen Teile—Ärmel, Vorder- und Rückseite—anschließend mit Garn zusammennähen. Ich war stolz auf mein Werk.

 

Mein Mann hat den Pulli auch getragen, aber ich weiß heute nicht mehr, wann

er aufgehört hat, ihn anzuziehen, oder wo der Pulli geblieben ist. Irgendwann hatte ich jedenfalls keine Zeit mehr zum Stricken. Neulich sah mein erwachsener Sohn meine ganzen Stricknadeln und das restliche Garn, als ich etwas für ihn in einer Schublade suchte. Ein paar Tage später schrieb er mir eine Textnachricht:

 

„Hey Ma, magst du mir das Häkelzeug für heute Abend rauslegen?“

„Meinst du Strickzeug? Was brauchst du genau und wofür?“

„Aye. Ich wollte das eventuell mal machen.“

 

Mein Sohn ist 33 Jahre alt und hat früher gerne gemalt und auch einen

Goldschmiedekurs gemacht. Er ist sehr kreativ.

 

„Soll ich dir mal zeigen? Wir könnten einen Stricknachmittag
oder -abend machen.“

„Sehr gerne.“ kam die Antwort.

 

Bald gibt es einen Mutter-Sohn Strickabend—natürlich mit der „deutschen“ Technik!

Tanz auf den Gleisen

Carola Faller-Barris

„Der Tanz auf den Gleisen“ von Cornelia Soltau

 

Guten Tag, mein Name ist Prinz Humpelbein bzw. Purzelbaum. Früher hieß ich standesgemäß Prinz Ferdinand, bekannt durch meine Stärke, Gradlinigkeit, Selbstsicherheit. Ich trug mein Krönchen und wanderte auf 3 Beinen durchs Leben. Fragt mich bitte nicht, warum. Meine Familie, die Könige Ferdinand & Co., waren stolze Besitzer eines unglaublich großen Areals an Wiesen und Feldern, Pferdegehöften sowie Enten- und Forellenteichen. Ich schlug da wohl ein bisschen aus der Reihe, denn das Gehabe meiner auf Öffentlichkeit bedachten Familie lag mir so gar nicht. Unser Besitz war mir lediglich optimaler Nährboden für selbst erdachte Fantasiereisen.

Ich passte irgendwie nie ganz zu meinem Standesdünkel. Ich krabbelte lieber auf Bäume, sang am liebsten mit den Amseln, spielte gerne Engel im Neuschnee …, und küsste mit Vorliebe meinen Hund auf die Nasenspitze. Meine Familie mochte das alles nicht so gerne. Irgendwie hatten sie dann eines Tages aufgegeben, mich zu kritisieren und verbiegen zu wollen. Schließlich waren sie froh darüber, dass ich mir aus meinen drei Beinen nichts machte. Ich war es ja nie anders gewohnt gewesen und schien damit zurechtzukommen. Wie ich meinte, war ich im Vergleich mit meinen 4 wesentlich älteren Geschwistern sogar im Vorteil. Ich konnte schneller als sie laufen und war stabiler beim Tanz über

die Steine im Fluss unseres Anwesens. Jedenfalls hegten meine Eltern ab irgendeinem Zeitpunkt keinen Ehrgeiz mehr, mich umzupolen, sondern gönnten mir meinen Eigensinn. Im Gegensatz zu meinen 4 Schwestern verweigerte ich das hingebungsvolle Angepasstsein an Rituale oder Sitten, die mir nicht einleuchteten, und ich kannte keinen blinden Gehorsam. In mir lebte der Wunsch und Drang nach Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung – ein Kind der Freiheit, das traumtänzerisch durch die Welt jonglieren wollte. Ich liebte es zu lachen, Geschichten zu erfinden, Ideen für den Frieden auf der Welt zu entwickeln und mit meiner einzigen wirklichen Freundin zu spielen. Es war Prinzessin Tausendsassa, eine hübsche Puppendame, die mir meine über alles geliebte Oma zu meinem 2. Geburtstag geschenkt hatte. Meinen Eltern blieb ich irgendwie auch noch in späteren Zeiten peinlich. Sie schmückten sich mit

dem Devotsein meiner Schwestern, die den Erwartungen an Königskinder entsprachen. Ich wollte mich zwar anpassen, aber es gelang mir nicht. Ich liebte und lebte meine Freiheit und Fantasie. Meine Schwestern liebten mich so, wie ich war und auch umgekehrt, bewunderte ich ihre aristokratische Haltung.

Bis zum 1. April von vor 5 Jahren, als ich mal wieder die Schienen des Zuges, der durch unser Besitztum fuhr, zählte, darüber hickelte und den selbst komponierten Song „Tsch, tsch, tsch, die Eisenbahn, kommt pünktlich an, ohne Plan“ sang. Ich weiß nicht mehr, warum ich nicht konzentrierter war, aber anders als sonst, hörte ich den Zug nicht ankommen. Die Vorboten des Frühlings hatten mich wohl in ihren Bann gezogen, abgelenkt und auf Wolke Sieben geschickt.

Plötzlich jedenfalls war er da, der Zug. Er hatte mich auch nicht bemerkt, denn der Stoff meines Gewandes, das mir auch meine seelenverwandte Oma geschneidert hatte, ähnelte dem einer Blumenwiese. Bunt und fröhlich – so wie der Garten neben den Gleisen. Der Zug raste über mich, wirbelte mich durch die Luft und setzte mich letztendlich außer Gefecht. Wochen später erwachte ich aus dem Koma und konnte mich zunächst nur schwer orientieren. Erst allmählich kam ich wieder zu mir, die Erinnerungen wurden wach und mir fiel mein Tanz auf

den Gleisen ein. Dann spürte ich ein stark verändertes Körpergefühl und musste feststellen, dass mir ein halbes Bein fehlte, beziehungsweise nur noch verkürzt vorhanden war. Schock. Mit 3 Beinen war ich geboren worden; jetzt blieben nur noch 2 ½ übrig. Durch die hochdosierten Medikamente fühlte ich glücklicherweise keinen Schmerz. Wie würde ich so durch das Leben wandeln (oder wackeln?) können? Wie in Trance musste ich mich erst an den Anblick und das Gefühl der teilweisen Amputation gewöhnen. Viele für mich sinnlose, jedoch wohlgemeinte Gespräche mit Therapeuten folgten. Wochen später sah ich mich humpelnd im Spiegelbild des Fensters der Reha-Klinik. Man hatte mir Krücken gebracht, damit ich mich wieder bewegen könne. Da entdeckte ich, dass mein

Beinstumpf so geschient war, dass ich immerhin noch auf 2 ½ Beinen laufen konnte. Humpeln ist wohl besser gesagt. Ich probierte es aus – erst zaghaft, dann vertrauensvoller – und es funktionierte. Trotz des Traumas war ich irgendwie dankbar und es erwachte Zuversicht in mir. Tage oder Wochen später war mein Denken und Fühlen wieder so stabil, dass ich mich sogar wieder an meine Träume erinnern konnte. Einer davon kündigte mir die Zukunft an: Ich würde in einem himmelblauen Universum 2 ½-beinig durch mein Leben fliegen und in meiner Fantasie hunderte Purzelbäume lustvoll schlagen können – auf einem Bein, auf zwei oder auch auf 2 ½ Beinen. Und alles zusammen mit meiner Prinzessin Tausendsassa. Seit dieser Nacht befreundete ich mich mit meinem Schicksal und zeichnete ein neues Bild von mir, mit dem ich in Zukunft zufrieden leben konnte. Seither werde ich Prinz Purzelbaum genannt – nicht von meinen Eltern und Geschwistern. Nein, natürlich hatte meine Oma augenzwinkernd

diesen Namen gewählt. Ich verdiente zwar keinen königlichen Ruhm und standesgemäße Anerkennung, aber gewinne bis heute die Herzen aller Kinder.

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Zu Wagner, alle Zeichnungen

Bildbetrachtungen am Schreibabend“ von Cornelia Holocher

 

Oh, was ist das? Sind das etwa Bleistiftzeichnungen? Radierungen? Ich

bin wie vom Donner gerührt. Selbst verstehe ich mich auch als

Zeichnerin, aber das? Ich empfinde Wucht von den großen Bleistiftzeichnungen, die mich anspringt. Aber nicht negativ. Nein, berührende Wucht, die ich im Brustraum als helle, begeisternde Aufregung spüre.

 

Ein kurzer Blick aufs ganze Bild, dann muss ich unbedingt ganz nah

dran, um mir zu bestätigen, dass es wirklich mit Bleistift gezeichnet ist.

Der kleine Bleistift, der harmlose.

 

Aber hier scheint er wie eine autarke Maschine das Papier zu beackern,

zu attackieren, hin und her zu springen wie der Besen des

Zauberlehrlings. Mit unbändiger Spontaneität und Bewegung wie ein

Tänzer, aber auch mit ganz genauem Strich wie durch einen Automaten

gezogen. Der kleine Bleistift, der harmlose.

 

Das große Format gefällt mir! So muss es sein für die Felswände,

Maschinen, Paläste, Gebäudeviertel, Fassaden, Säulen, so

überzeugend. Die Schraffuren wie von Bildhauerhand gestaltet, lassen

die Dreidimensionalität aus dem Bild ragen. Und die Töne vom tiefsten

Schwarz, bis nur noch zu einem geahnten Grau, die allem ihre Plastizität

geben, auch dem Wasser.

Der kleine Bleistift, der harmlose.

 

Es berührt mich aber auch die Idee, dem letzten in Deutschland

geschossenen Wolf aus dem 19. Jahrhundert, in der großen Zeichnung

des abgezogenen Balgs seine Hochachtung zu bezeugen.

Mal drönt es laut aus den Bildern, mal ist es ehrfurchtsvoll still, mal hört

man Vogelgezwitscher.

Der kleine Bleistift, der harmlos scheinende.

Wolf

„Der letzte Wolf in Hessen“, Wagner

Ein Wolf“ von Ilse Reichinger

 

Da hängt es das Fell des Schönen. Es sieht so lebendig aus, hellgrau gelb, dunkle Zeichnungen. Von der Abendsonne hervorgeholte rostrote Schattierungen. Der Canis Lupus Occidentalis Eurasische Wolf.

 

Das Sendehalsband Nummer 19 hatte einige Daten gespeichert. Er wurde in Tschechien geboren. Als Welpe und Jährling lebte er behütet in einem Rudel. Der erwachsene Wolf musste gehen um sein eigenes Leben zu finden. Wie man feststellte, hatte er es bis nach Bayern geschafft. Hier fand er seine Gefährtin. Mit fünf Welpen gründete er ein neues Rudel.

Sie wanderten um Berchtesgaden herum, kamen den Menschen manchmal zu nahe. Fanden Wolfs-pfade, die tiefer in den Wald führten. Rehe gab es genug. Freigabe zum Abschuss von Problem Wölfen. Ein neues Gesetz! Darauf hatte er lange gewartet. „Was sollen wir mit Wölfen in unseren Wäldern. Keiner traut sich mehr hin.“

Herr Söderlich holte höchstpersönlich seinen Hengst aus dem Stall, musste ja niemand wissen, den Stutzen im Schaft, galoppierte er in den Auenwald. Einen wird er finden.

Er ritt lange, der Wald wurde dichter und dunkler. Föhren, Fichten Tannen Buchen. Äste griffen, schlugen nach ihm. Er fand die Hütte die er kannte. Vorsorglich hatte er seinen Schlafanzug mitgenommen. Die wuchtige Holztüre war schwer, sie ächzte beim Öffnen. Die Taschenlampe leuchtete schummrig. Er fand einen Lichtschalter. Ein Bett, ein Ofen, ein Tisch ein paar Stühle. Wo kam der Strom her? Das würde er morgen herausfinden.

Nachts konnte er nicht schlafen. Es tapste, schnüffelte grunzte kratzte. In der Nähe bedrohliches Wolfsgeheule. Gegen fünf Uhr in der Frühe hielt es ihn nicht mehr im Bett. Er zog sich eilig seine Jägertarnjacke an. Schlafanzughose und seine karierten Hauspatschen ließ er an.

Den Stutzen im Anschlag verließ er die die Hütte.

Es ging sehr schnell. Zwei helle Augen vor dem Gebüsch. Treffsicher schoss er mittig hinein. Ein kurzes Aufheulen das wars.

 

Die Überlebenschancen des kleinen Rudels hängen vom Geschick der Fähe ab. Sie muss unbedingt ein gutes Versteck finden, weg von der Hütte. Während der Jagd ist sie gezwungen die Welpen zurückzulassen. 

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„Portal 5“, Naves

Der Freiburger Münsterplatz  – einmal anders“ von Roland Burkhart

 

 

Ich weiß noch, wie ich als 14-Jähriger auf der linken Seite des Münster-portals in der Steinmauer den Umriß eines Brotlaibs entdeckte, damals gut sichtbar und in Kopfhöhe. Seit Jahrhunderten war und ist rund um das Münster der tägliche Umtrieb eines typischen Marktplatzes. An dieser bestimmte Stelle beim Freiburger Münster standen früher immer die Brot-verkäufer. Wenn einem Kunden das angebotene Brot für den genannten Preis zu klein erschien, hielt der Bäcker den Laib an diesen Stein und der Käufer war zufrieden: Der Umriß entsprach genau einem Kilogramm Brot. Er ist noch heute an der Außenwand zu sehen. Spätestens seit es Digital-waagen gibt, hat er seine Bedeutung verloren. Heutigen Marktplatzbesu-chern sagt er nichts mehr. Noch immer reihen sich rund um das Münster Buden und Verkaufsstände für Lebensmittel, Blumen undKinderspielzeug.

Anders als auf dem Gemälde hier: Dieser grell-hell erleuchtete Eingang des Portals, davor die drei einsamen Säulen, auf dem weiten Platz nur ein einziger Mensch, taghell beleuchtete Schaufensterreihen am Ende des Marktplatzes. Was für ein Gegensatz?

Über dem Portal erhebt sich der „schönste Turm der Christenheit“, wie behauptet wird. Uns Jugendliche interessierten die vielen, vielen Stufen, die wir  bis zum Glockenplateau hoch rannten, und der Platz, wo die größte Glocke, die „Hosianna“, hing. Kurz vor zwölf Uhr wollten wir immer oben sein. Furcht einflößend und Schauder erregend war das Knarzen und  Knorren im Holzgebälk, wenn das Geläut begann. Da fehlte nur noch der Riese mit dem Hammer in seiner Pratze, der den tiefen, lang nachhallenden Basston auf der mächtigen Hosianna schlug. Und danach noch der ungewohnte und beeindruckende Blick von oben auf die vielen, von Bude zu Bude eilenden ameisengroßen Menschlein, zu denen wir vorher noch selbst gehört hatten.

Gespenstisch die Leere auf dem Gemälde – welch ein Gegensatz dazu meine jugendlichen Erinnerungen.

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„Münster 3“, Naves

„Münster in Armut“ von Roland Burkhart

 

Sie haben alle Kirchenbänke des Freiburger Münsters zersägt und abtransportiert. Es sind arme Zeiten wie fast im Mittelalter und die Menschen frieren in Freiburg. Ihre Öfen brauchen bei dieser Eiseskälte Futter. Zahlungskräftige Touristen, die früher in die Kirchen strömten und sie bewunderten, gibt es ja längst nicht mehr. Die Sakristeifenster sind über die Jahre blind geworden und nun voller Spinnweben. Die Glocken und die Orgelpfeifen sind der Kriegswirtschaft zum Opfer gefallen und eingeschmolzen worden. Einzelne Glasfenster im Chorraum sind noch dicht und erstrahlen in einem  Sonnenlicht, als wäre nichts gewesen. Wie früher, als die Kirchenbänke noch da standen und weiche Sitzkissen und Polsterbahnen den Gottesdienstbesuchern den Aufent-halt angenehmer gestalteten. Als noch rechts und links in den Seitenaltären Kerzen mit ihrem ruhigen Licht die Herzen der Gläubigen erwärmten. Wo sind nun die Herzen und die Kerzen?  Kein Bischof besteigt mehr das schmale Kanzeltreppchen, das rund um die Kanzel nach oben führt, wo das Wort Gottes ver-kündet wurde. Vorbei, vorbei. Es ist einfach kalt und feucht im Münster. Drinnen tropft es durchs undichte Münsterdach und draußen ist eben Winter und Kriegszeit.

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„Vorposten“, Wagner

„Vorposten – für was?“ von Roland Burkhart

 

Ein Vorposten, irgendwo in die freie Natur gesetzt, ein Blech-kasten. Keiner drin. Lange steht der noch nicht, wenn sich auch schon die ersten Pflanzen seitlich an ihn schmiegen. Er stört sie nicht. Aber wen soll er beeindrucken? Hat vielleicht jemand die gewisse Tür offen stehen gelassen. Eine Art „Dixi-Klo“ für Waldspaziergänger?

Aber – was soll diese runde Haube oben auf dem Dach? Falls es nur ein Wachhäuschen ist, ist es vielleicht auch für besonders große, aufrecht stehende Wachmänner gedacht, deren aufgeschultertes Gewehr ja ein Stück über den Helm hinausragt?

Blitzschnell kann er, geduckt ins Freie .das gehörte verdächtige Geräusch mit suchendem Gewehrlauf erspähen: „Stehn bleiben oder ich schieße!“ Sein Ruf kann die Maus unter dem Blätterwust neben dem Blechkasten fast zu Tode erschrecken – bei diesem wüsten und  bedrohlichen Tonfall verschwindet sie blitzschnell im Mauseloch. Für was und für wen steht dieses Unikum also da?

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„Vorposten“, Wagner

„Sowas aber auch“ von Franz Mutterer

 

so was aber auch
damit hab ich nicht gerechnet
und das auch noch im Garten


Nein, nicht mitten im Garten, etwas abseits


Also jetzt erst mal zurück zum Anfang
das war die Notwendigkeit im Garten für Ordnung zusorgen
Rasen, Hecken,Gestrüpp das übliche Gewuchere
da musste was geschehen


erst mal mähen, dann schneiden und schnippeln
es ist noch nicht so hoch das Gras, also mulchen
kommt mir entgegen, muss nichts aufsammeln
ohne Fangsack rasanteres Rasenmähen
„ schneid nicht alles kurz und klein,
denk an die Krokusse , die müssen sich noch zurückziehen
lass sie stehen „
ja, ja, die Krokussinsel wie jedes Jahr und ein paar Gänseblümchen
lass ich auch stehen, auf jeden Fall
Sind sie weg schimpft Lilly mit mir
„Opa, warum hast du das gemacht ? „


So die großen Flächen sind geschafft. Pause, ein riesiges Apfelschorle, das
tut gut. Jetzt aberran an die Büsche, da hinten beim Baum. Wann war ich
da zuletzt? Schon länger her. Beim Steintreppchen, da könnte man noch
einen Ausruplatz haben. Schnipp- Schnapp mit der Heckenschere wieder
und wieder,schnip-pleng. Oh das hört sich nach Blech an.was liegt denn
da?
Ich schiebe die verbliebenen Zweige zur Seite, schaue in die Ecke,
in diese Pleng Ecke. Ein Blechteil das noch glänzt. Wer hat das da
hingeworfen? Das muss erforscht werden!
Weiter Äste abschneiden,das Zeug zur Seite tragen, auf einen Haufen. Schwitzen,
hinsitzen, noch eine Schorle und weiter gehts. Kurz die Lage sondieren. Ist ja ganz rund wie ein Wok. Festgeschraubtauf einem Holzkasten. Weiter, ich möchts wissen.
Der Kasten wird größer, ein Häuschen mi Tür. Oh Mann, nochmal Pause.
Nur noch Sprudel da, der Apfelsaft ist alle.
Ich muß die Tür frei bekommen. Die Kelle wird mir helfen, also geschwind
zum Gartenhaus sie holen.Jetzt wird erst mal frei gekratzt. Dreck und Steinchen
landen neben dem Häuschen. Es ist gar nicht mal so viel. Und jetzt?! Wo ist der
Türgriff ? Nicht da . Dann der Türspalt, eher ein schmaler Schlitz, da aufdrücken.
Ach was, nicht aufdrücken, sie schnappt förmlich auf als ich die Kelle flach
hineinschiebe, konnte gerade noch zurückspringen.
So ein kleines Häuschen im Garten, Donnerwetter, und ich muss dringend
pinkeln.

CEnturio

„Der gefallene Centurio“, Wagner

„Julius“ von Franz Mutterer

 

Tja mein Lieber

und wenn Du dich auf den Kopf stellst

Deine Zeit ist vorbei, längst vorbei

Deine Macht auch, weg, futsch, aus, basta

 

Wie war das mit dem Ende?

Ach ja, die Sache mit Brutus

die Welt ging weiter, Trümmer bleiben und Ruinen

du im Dreck, Nase weg

 

Hast du eigentlich noch Kontakt zu uns, zum Heute

so von oben herab geblickt

neue Herrscher machen Trümmer, Ruinen und Not

siehst Du sie , deine Nachfolger, was sie so treiben

Vernichtung, Elend, Hunger und Tod

soll `s so weitergehen?

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„Skalitzerstr. 2“, Naves

„Heim gehen“ von Franz Mutterer

 

an der Hochbahn vorbei

die Hochbahn an mir vorbei

durch die feuchte, nasse Stadt

 

gleich setzt ich den Schuh aufs Pflaster

das schon immer da ist

die Hochbahn auch

 

das Laternenlicht gelb

leuchtet es auch im Asphalt

und hinten die Platten

 

auf meiner Seite Altbauten

Mietshäuser, noch billiger

wie lange noch mein zu Hause

JOHANNES TRAUB / AARON ANTES / 09.03. – 13.04.2025
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„Paar“, Aaron Antes

„Paar“ von Roland Burkhart

 

Das ist der (Holz-)Boden der Wirklichkeit eines rundum gelebten Paarlebens. Gemeinsam wuchsen seine Zeit und nah verschmolzen damit die erotischen Bedürfnisse des Paares zueinander. Im Laufe aufsteigender Jahre verflüchtigten sich diese, sind zwar Basis des jungen Paarlebens gewesen, vibrieren immer noch, nun im Alter in hauchdünnem Abstand, kaum sichtbar, aber spürbar die zärtliche Nähe und Wärme. Spannende Nahwärme, aber ohne Berührung. Sie legten sich wie Jahresringe um den Holzkern. Beide schauen sich in gleichförmig gewordene, klare Gesichter. Sie gingen einen langen gemeinsamen Lebensweg mit je eigenen Kindheitsängsten und -freuden, mit Jugendsprüngen und spannenden Paar- und Elternzeiten, mit Berufserfolgen und -misserfolgen. Sie fanden zu immer mehr Nähe ohne Verlust von Eigenleben. „Schau mich an!“, sagt jedes Altgesicht dem anderen. „Sieh meine Schultern, die das „Tragen“, ja das gemeinsame und biegsame Tragen in steter Anpassung gelernt haben“: Geburt und Tod, Glück und Trauer, Enttäuschung und Aufatmen, klammer Beziehungswiederaufbau, stille Pflege des Schönen, völliger Verzicht auf hohles Blech und dummes Blendwerk.


Sind wir beide nicht aus demselben Holze geschnitzt?

„Ohne Titel“, Johannes Traub

„Gesicht im Wasser des Abendlichts“ von Roland Burkhart

 

Was schwimmt da auf dem Wasser des Sees, wenn ich abends dran vorbeischlendere?

Die Entenschar, die eben noch friedlich hier paddelte, ist aufgeflogen, als ich zu nahe schien. Hektisches FORT-FORT-Geflatter! Und zurück auf der Wasseroberfläche bleibt ein Gebilde, sanft beschienen vom Abendlicht. Merkwürdig und rätselhaft.

Das Auge, da links, ist dabei sich zu öffnen. Der helle Nasenrückenstreifen, wird nach unten breit wie Pferdenüstern. Das zweite Auge glitzert unter seinem dünnen, schwungvollen Brauenbogen. Ui,ui,uih! Die Lippen sind verzehntfacht und ziehen sich von Ohr zu Ohr. Die Wangen sind ballrund und wollen ja das ganze Gesicht einkreisen. Sieht sich der Betrachter hier selbst im Wasser? Ich?

Gemach! Gemach! Für einen Moment war hier ein fließendes, fliegendes PhantomGesicht, das beim Weiterlaufen schon wieder verschwunden ist.

„Vater 1“, Aaron Antes

„Vater“ von Susanne Hoffmanns

 

Im Traum erschienen
hinter einem fernen fahlen Schleier
weit weg die hohe Stirn
ohne Leuchten die Augen
der Blick suchend und sich verlierend
so oft an mir vorbei ins Leere gegangen
auch Nase und Lippen ohne Ziel
so wenig gesprochen mit mir
so selten geatmet für mich.
Vater?
Bist du Ich?
Bin ich Du?
Vater!

„Skulptur Nr.11“, Aaron Antes

„Die Zukunft: Der Versuch einer ständigen Entschlüsselung“, 2020, von Susanne Hoffmann

 

Lange Zeit suchte ich vergeblich die Zukunft
Es gelang mir nicht
Ich konnte den Schlüssel nicht finden
Meine Augen waren zu angestrengt
Ich legte sie in Ketten und die Ohren gleich mit
Mein Kopf verengte sich
Die Angst wuchs und beinahe vergaß ich meine Suche
Dann kam jemand und schloss meinen Mund von außen auf
Und flößte mir ständig etwas ein
Ich hatte Hunger und begierig nahm ich zu mir, was ich bekam
Aber es nährte mich nicht
Es schmeckte seltsam und fremd.
Innerlich wie trügerisch funkelnd
War es in Wahrheit metallisch, voller Kälte und mit rissigen Nägelspänen durchsetzt
Ich hatte große Schmerzen
Dann begriff ich: es war die Zukunft, die in mich hineinströmte
Und dass ich selbst zur Zukunft wurde
Und ich schrie und flehte sie an: Ich will dich nicht!
Nimm den Schlüssel und verschließ mich wieder!
Aber die Zukunft erhörte mich nicht.

Skulpturen, Aaron Antes

„Wahlverwandtschaft“ von Elisabeth Lutz

 

Solche Großeltern hätte sie sich gewünscht.
Eine Oma mit Lachfältchen um die Augen. Wenn man sie besucht, duftet es schon an der Haustür nach Apfelkuchen, sie zupft die weiße Schürze mit Hohlsaumstickerei zurecht und umarmt uns innig und bittet zu Tisch. Das gute Porzellan mit dem blauen Hyazinthenmuster hat sie aufgedeckt, der Kuchen auf einem Spitzendeckchen und die Sahne in einer Kristallschale. „Kinder, lasst es euch schmecken! Schön, dass ihr gekommen seid!“

Wir fangen immer gleich an zu essen und warten nicht, bis Opa seinen Mittagsschlaf beendet hat. Aber irgendwann kommt er dazu, ausgeschlafen und heiter, sagt absichtlich alle unsere Namen falsch und umweht uns mit seinem Pfeifenqualm, während er Geschichten erzählt, von denen wir nie wissen, ob sie wahr oder erfunden sind.

 

Solche Großeltern hätte ich gerne gehabt.

Aber ich hatte gar keine. Sie sind gestorben, längst bevor ich geboren bin. Ich kenne sie nur von Schwarzweißbildern. Der Großvater, umringt von vier Männern, die ebenso streng und ernst schauen wie er. Ein Bauer, aber
auch Waisenrichter. Ein Bibelgelehrter, der am Sonntagnachmittag die Bibel studiert und sie am Abend in der Stund‘ für die frommen Besucher auslegt. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.
Wenn ich sein Bild anschaue, fürchte ich mich ein wenig. Die Großmutter ist nur auf Familienbildern zu sehen. Da sitzt sie neben dem Großvater, hat die Hände im Schoß gefaltet, schaut mit ergebenem Lächeln in die Kamera. Sechs Kinder hat sie geboren. Ob sie auf dem Foto schon schwanger ist mit dem siebten?

Und auch das weiß ich nur aus Erzählungen: dass sie geträumt hat, dass sie bei der Geburt sterben wird. Sie nähte schwarze Kleider für die Kinder, so konnten sie dem Sarg der Mutter angemessen folgen.

So viel Düsternis und Schwere.
Und hier die Heiteren, Liebevollen.
Wirklichkeit und Wunsch.
Und ich – ein Gemisch aus alledem.
Gut.
Gut so.

GABRIELA STELLINO / HEIKE ENDEMANN / 19.01. – 23.02.2025

„Kugelfragment rot“, Heike Endemann

„Was bist Du?“ von Roland Burkhart

 

Was bist Du?

Die Künstlerin scheint im Anatomischen Institut zu arbeiten. Das prägt. Sie hat hier eine Schädeldecke umgedreht und sichtbar gemacht, was sich in einem Kopf so alles verbirgt: ein Wirrwarr von

– versunkenen Eindrücken,

– zurecht geschnittenen Erinnerungen,

– traumatischen Erlebnissen,

– erschütternden Erziehungsfehlern,

– demütigenden Mobbing-Erfahrungen in der Schule,

– Angst- und Freudenzuständen,

– tiefen Verletzungen in der Ersten Liebe,

– überbordenden Glücksgefühlen nach einem gewonnenen Schwimmwettkampf,

– tiefer Genugtuung über ein selbst geschriebenes, aber nie veröffentlichtes Gedicht,

– warmherziger Zuneigung der alten Nachbarin,

– bizarr zuckenden Gedankenblitzen…

nach der geglückten Herzoperation!

 

Alles unter einer Schädeldecke! Alles!

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